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1999 ff. martin hufner,
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Kleiner Mann

Auf den Spuren des Eigensinns

Zur 10. Tagung der „projektgruppe neue musik bremen“

Zum zehnten Mal begab sich die „projektgruppe neue musik bremen“ auf die Suche nach zentralen ästhetischen Phänomenen der Musik der Gegenwart. Von der Aktualität des Streichquartettes über die Körperfrage bis zum Mythos kam man nun bei „... ’Horizont’ ... Strategien des Eigensinns“ an. Dazu waren wieder Musiker, Komponisten, Wissenschaftler und andere Interessierte eingeladen, an drei Tagen in Konzerten Musik zu hören und zu sehen und in Diskussionsrunden die Thematik zu behandeln.

Die Projektgruppe hatte dieses Mal die verbalen Auseinandersetzungen in verschiedene Formen gegossen: Gespräch, Befragung, Verhör, Vortrag und Podiumsdiskussion, und damit neue Wege zur sprachlichen Erschließung der Thematik geöffnet. Auch die Vorträge waren sehr anregend und instruktiv. So sprach der Berliner Philosoph Albrecht Wellmer über den Weltbezug der Musik, Nicolas Schalz entwickelte einen Kategorienkatalog der Musikdeutung und -analyse über die Begriffe Dialektik, Wiederholung/Differenz, Rhizom/Wind, „vernetzte Streuung“, und der Weimarer Professor für „Theorie und Geschichte künstlicher Welten“ Joseph Vogl wies in seinen Moderationen, Komponistengesprächen und Vorträgen auf ästhetische Implikationen der Theorien von Gilles Deleuze hin. Es gelang jedoch erst auf dem Abschlusspodium sich explizit dem Tagungsthema zu nähern.

Anscheinend ist das Phänomen des Eigensinns selbst zu eigensinnig, als dass man es zu fassen bekäme. Solange man jedoch den Begriff des Eigensinns wesentlich im Sinne von vereinzelter Sinn- oder Unsinnsetzung von musikalischem Material versteht, wie es in vielen Beiträgen der anwesen-den Komponisten geschehen ist, schrammt man an den möglichen Äußerungen von Eigensinn vorbei. Dies führten auch die vorgestellten Werke im Zusammenhang plastisch vor Augen. So zeigten sich die musikalischen Poetiken von Bernhard Lang, Chaya Czernowin, Peter Ablinger, Silvia Fómina und Carlfriedrich Claus eigentlich als unvermittelbar zueinander. Sie gehen alle ihre eigenen Wege und es hat den Anschein, dass es außer der Präsenz in einem Konzert keine Schnittpunkte zwischen ihnen gibt. (Zum Beispiel in dem etwas hilflosen Disput zum Materialbegriff zwischen Czernowin und Fómina.) Aber Eigensinn nur als Negativfolie zu Gemeinsinn zu verstehen, ist dann doch etwas wenig. Das Problem mag auch darin liegen, dass man von Seiten der Veranstalter den Begriff des Eigensinns als Möglichkeit der Emanzipationserfahrung zu deutlich in Stellung gebracht hatte. Im Vorwort des Readers der Tagung steht dazu: „Was tun die Künstler heute ...? Sind sie auf der Suche nach einem Horizont jenseits des Arrangements mit den Gegebenheiten oder entwerfen sie Beschreibungen seiner Unauffindbarkeit? Wie verhalten sich die Komponistinnen, die ihren Eigensinn nicht verleugnen wollen?“ Eine bündige Antwort konnte diese Tagung nicht geben. Bernhard Lang sprach in diesem Zusammenhang davon, gewissermaßen in den „Untergrund“ gegangen zu sein. Die Neue-Musik-Szene lässt sich demnach auch nicht mehr gesellschaftlich funktionalisieren. Sie marginalisiert sich in Einzelpersonen.

Vielleicht wäre aber auch ein anderes Szenarium denkbar: Nämlich, dass sich das Feld gesellschaftlicher Emanzipationsbewegungen in der Musik längst verlagert haben könnte. Der im Titel angesprochene „... Horizont ...“ könnte sich dann in der digitalen Welt des Internets neu auftun. Projekte wie „Negativland“, „Droplift“ oder „Open Source“ mögen dafür stehen. In den Vorträgen war insofern davon die Rede, wenn sie die Welt der Neue-Musik-Szene gelegentlich überschritten. In der Musik standen dafür am ehesten Fóminas Werke, die ethnografische Elemente enthalten, Bernhard Langs durch das Klangforum Wien dargebotene „Differenz/Wiederholung 2“, das sich merkwürdig der Pop-Sprache nähert, oder Carlfriedrich Claus’ „Klangaggregat“, eine krasse Menschenlaute-Studie von 40 Minuten Dauer.
Dennoch ist auch die Ratlosigkeit ein Ergebnis dieser Tagung über die man nicht traurig werden sollte. Auf jeden Fall stand man in Kontakt, man redete miteinander und hob damit die Vereinzelungs- und Vereinsamungsphänomene auf, insbesondere auch in den Tagungspausen, die damit wieder einmal ein wesentlicher Bestandteil der Tagung waren und sie so liebenswürdig und notwendig machen.

Martin Hufner

 

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