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1999 ff. martin hufner,
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1999 ff. martin hufner, regensburg
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Kleiner Mann

Wo alles Raum ist, ist kein Ort

Die neunte Tagung der Projektgruppe Neue Musik Bremen vom 12.11.99 bis 14.11.99

In einer Zeit, wo durch die technische Entwicklung die Entfernungen zwischen einem Hier und Dort zusammenschrumpfen, stellt sich die Frage, ob und wie diese Entwicklung sich auch in der zeitgenössischen Musik realisiert. Nicht im Sinn eines Abbildes, sondern durch die Erfahrungen der Individuen hindurch in der ästhetischen Gestaltung. „Transit. Orte/NichtOrte. Raumerfahrungen in zeitgenössischer Musik" war das Thema der neunten Tagung der Projektgruppe Neue Musik Bremen überschrieben.

Zu diesem Zweck lud man zwei Referenten ein und konfrontierte deren Thesen und Ideen mit zeitgenössischer Musik. Diskussionsrunden vertieften und entwickelten das Thema. Der Berliner Kulturwissenschaftler Hans Georg Nicklaus führte in seinem Vortrag zwei Idealtypen des „Transits" aus: Das „Irgendwo" und das „Überall". Dem „Überall" als der Perspektive einer totalen Allgegenwart (das Netz, das Überall-zugleich-sein und das unausweichlich von-allem-Umfangensein), stellte er das „Irgendwo" als Position des frei vagabundierenden Subjekts gegenüber (das mobile Reisen zum Beispiel – das „Irgendwo" als ein „Nirgendwo"). Am Beispiel der Konzeption von Weltmusik ließ sich das als Idee der Synthese oder Pluralität zeigen. Nicklaus vermied die Bewertung dieser beiden Erfahrungsformen und blieb damit allerdings bei einer ideengeschichtlichen Analyse stehen. In den Diskussionen erfuhren seine „Aus-Legungen" sowohl politisch-gesellschaftliche und in den Konzerten ästhetische Korrekturen und Ergänzungen. Sei es, dass von Teilnehmern auf die überdimensionalen Flucht-, Exil- wie Asylbewegungen hingewiesen wurde, die nichts mehr vom Flanierenden oder Überallseienden haben, sei es, dass die raumzeitlichen Utopien des „Netzes" mit lebensweltlichen Katastrophen konfrontiert wurden.

Von Seiten der Musik zeigten sich indes ganz andere Fragestellungen. Zum Beispiel in den Stücken von Uwe Rasch und Jürg Wyttenbach. Hier war es nicht der Konzertraum oder der gesellschaftliche Raum, sondern der spezifische Raum des Musikers. In Wyttenbachs „Claustrophonie" für einen einsamen Violinisten von 1979 ist die Musikproduktion und das „Auftreten des Musikers" konsequent in ein Schauspiel überführt worden. „Musik" ist hier fast Nebensache und das Musizieren als Akt der gelingenden wie nichtgelingenden Ausgestaltung von Lebensraum wird zum Thema. Dafür braucht man Schauspieler, die „auch" Musik machen können. Zu den wenigen, die das vermögen, ist unbedingt die Geigerin Susanna Andres aus Basel zu zählen, die Wyttenbachs Violin-Schau-Stücke darstellte. Raumerfahrung ist hier Grenzerfahrung von musikproduzierenden Subjekten, die ihren Spielraum austesten. Oder dann Uwe Rasch’s Ensemble-Stück „Dis-Tanz-Verläufe nach Textteilen von Franz Kafka", das diese schmale Raumerfahrung im Titel verrät: „Sich als Fremdes ansehn, den Anblick vergessen, den Blick behalten." Die Musiker des Klangforums Wien wurden dabei permanent mit Verhaltens- und Musizieranweisungen überfordert.

Damit rücken zwangsläufig die Musiker in den Mittelpunkt des Raumthemas: Lilian von Haußen Auftritt glich einem Derwischtanz bei der Aufführung von Christoph Ogiermanns „Ruach 2" für Pianisten (oder Schlagzeuger) am Klavier. Ein hochvirtuoses Stück, das irrwitzig dicht gestrickt ist, bei dem durch Zuspielband und Liveverstärkung beinahe buchstäblich das Klavier in seine akustischen Bestandteile zerlegt wurde und dem kompositorischen Druck kaum standzuhalten schien.

Dem gegenüber waren Kompositionen, die den Außenraum als musikalischen Parameter umsetzten kaum repräsentiert, so als läge diese Idee „zu nahe". In die Geschichte dieser Verfahren führte der Vortrag der Berliner Musikwissenschaftlerin Helga de la Motte-Haber ein. In diesen Rahmen fiel zum Beispiel die Aufführung von Luigi Nonos „A floresta é jovem cheja de vida" für drei Sprechstimmen, Sopran, Klarinette, Schlagzeug und Tonband. Um das Publikum herum waren Lautsprecher positioniert, während auf der Bühne die Musiker in quasi oratorischer Aufstellung plaziert sind. So ist man einerseits umgeben von Tonbandklängen und andererseits frontal mit politischen Sentenzen und Kupferblech-Klängen konfrontiert, die dann den Raum auf noch andere Weise akustisch auffüllten. Die Raumanordnung folgt hier einer ausdrücklichen appellbezogenen Dramaturgie, die eine zielgerichtete Rezeption evozieren will. Anders in Gordon Monahan „Speaker Swinging" (1987) für drei schwingende Lautsprecher und Zuspielband, wo im Idealfall das Publikum sich seine Perspektive selbst bestimmen kann und damit nicht im (Konzert-)Raum fixiert wird.

Bei der Diskussion der Aspekte ästhetischer Raumerfahrungen wurde aber auch deutlich, dass all diese Raum-Phänomene allgegenwärtig und damit sinnlos werden. „Raum" als unabdingbarer Bestandteil aller musikalischer Erfahrung wird zu einem Gemeinplatz: Wo alles Raumerfahrung ist, wird die Raumerfahrung indifferent. So kann man das letzte Konzert der Tagung mit dem souveränen und betont sachlichen agierenden Pianisten Michael Wendeberg zwar unter dem Raum-Aspekt hören. Dann lassen sich Galina Ustwolskajas Klaviersonate Nr. 5 oder Frederic Rzewskis „Piano Piece IV" plötzlich in einer anderen, jetzt geschärften Tiefenperspektive erfahren, doch bleibt die Frage, wie substanziell dieser Aspekt noch ist. Antworten darauf, gab die Tagung nicht.

Aber diese Frage wurde auch gar nicht gestellt. Und das führt auf die Konzeption der Tagung selbst zurück. Die Bremer Projektgruppe beschreibt ihre Tagungsidee so: „Zusammen mit dem Publikum sollen Theorien und Eindrücke an konkreten zeitgenössischen Kompositionen entwickelt und diskutiert werden. Die Verschränkung von Theorie und Praxis verstehen wir als den unverzichtbaren Anspruch der Arbeit." Das ist eine ideale und sehr schöne Form der Auseinandersetzung. Komponisten, Dirigenten, Musiker, Kritiker, Wissenschaftler, Laien und vor allem auch „fachfremden" Teilnehmer treffen hier zusammen und kommen auf eine überaus herzliche und bestimmte Art und Weise miteinander ins Gespräch.

Doch scheint das Interesse am Besuch dieser Tagung über die Jahre nachgelassen zu haben. Die Gründe dafür mögen vielfältig sein. Schuld daran sind womöglich auch solche Berichterstattungen, die nicht annähernd die produktive Atmosphäre dieser Tagung wiederspiegeln können. Schon ein Bericht darüber ist eigentlich widersinng, weil damit die Vielfältigkeit und Kommunikationstiefe auf eine eindimensionale Perspektive verkürzt wird, die dieser Form der öffentlichen Auseinandersetzung kaum gerecht werden kann. Man braucht eine solche Tagung und muss dabei sein, weil man eben nicht alles schwarz auf weiß „getrost" nach Hause tragen kann.

Martin Hufner

 

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